AUF DEN WELLEN DER VERÄNDERUNG SURFEN - Ein Erfahrungsbericht

VON EVELYN WURSTER

Vor kurzem habe ich irgendwo dieses schöne Zitat aufgeschnappt:
“WIR KÖNNEN DIE WELLEN DER VERÄNDERUNG NICHT AUFHALTEN, ABER WIR KÖNNEN LERNEN, AUF IHNEN ZU SURFEN.”
Ich finde das hört sich toll an. Und leicht, und sehr erstrebenswert.
 
Wenn ich mir das im Unternehmenskontext vorstelle, dann sehe ich Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern aufmunternd zurufen:
 
“Hey – alles nicht so schlimm mit der Veränderung. Lasst uns einfach lernen, auf den Wellen der Veränderung zu surfen! Zusammen schaffen wir das. Und das wird ziemlich cool!”
Change Wellen der Veränderung
So weit so gut. Der aufmunternde Zuruf oben könnte auch von mir stammen.
 
Ich bin ein optimistischer Mensch mit viel Energie und bin davon überzeugt, dass man fast alles schaffen kann, wenn man sich erst mal darauf einlässt und es ausprobiert. Und wenn mir jemand begegnet, der das so ganz anders sieht, und sich strikt weigert, dann kann es schon mal vorkommen, dass ich mir denke: “Jetzt stell dich halt nicht so an!”
 
“WARUM STELLEN DIE SICH DENN SO AN? IST DOCH ALLES NICHT SO SCHLIMM!”
Haben Sie als Führungskraft oder Kollege auch schon einmal alles dran gesetzt, um Mitarbeiter von der Notwendigkeit einer Veränderung zu überzeugen und sie zum mitmachen zu motivieren? Und zum Dank haben Sie Kritik und Widerstand geerntet? Das ist frustrierend. Aber manchmal vergessen wir als Change-Leader, wie es sich wirklich anfühlt, als Betroffener durch Veränderung zu gehen.
Vielleicht hilft mein kleiner Erfahrungsbericht vom Wellenreiten lernen ja, um in der nächsten Veränderungssituation ein klein bisschen anders auf sich selbst und die Mitarbeiter zu schauen…
 
ALSO LOS – AUF DEN WELLEN DER VERÄNDERUNG SURFEN!
Nachdem meine Söhne im  Urlaub das Wellenreiten für sich entdeckt hatten, stand das auch in unserem folgenden Urlaub auf dem Programm. Und diesmal wollte ich mich auch selbst ans Surfen heranwagen. Und so hab ich mir also auch Neoprenanzug und Brett ausgeliehen und erst mal die Trockenübungen am Strand absolviert: mit den Armen paddeln, dann 1,2,3,4 die Beine sortiert, aufstehen – zack – die Arme in Position! Und surfen. Alles ganz easy. Also los – auf den Wellen der Veränderung surfen!
 
LEKTION 1:
BEVOR MAN AUF DEN WELLEN SURFT KLATSCHEN SIE EINEM ERST MAL INS GESICHT
Nun ja. Dann kam die Ernüchterung. Bevor man auf den Wellen der Veränderung surfen kann klatschen sie einem nämlich zunächst mal ins Gesicht. Man muss sich erst durch die Brandung kämpfen. Und das ist verdammt anstrengend: man schluckt Salzwasser, wird öfter von den Wellen mitgerissen und untergetaucht, und für jeden Meter den man sich vorkämpft wird man mit der nächsten Welle mindestens wieder einen halben Meter zurückgeworfen. Und ehrlich gesagt hatte ich auch gehörigen Respekt (um nicht zu sagen Angst) vor diesen kräftigen und ziemlich unerbittlichen Wellen, obwohl die vom Strand aus gesehen gar nicht soo groß waren…
 
In Veränderungsprozessen fühlt sich das oft ganz ähnlich an: man lässt sich darauf ein und ist guten Mutes, hat ein paar Trockenübungen gemacht und fühlt sich gut vorbereitet – aber dann kommt es erst mal ganz anders als erwartet. Und es kommen Dinge auf einen zu, von denen man vorher nichts wusste. Und meistens sind das keine angenehmen Dinge – sondern eher welche aus der Kategorie Salzwasser und Rückschläge. Das raubt Energie und kann sehr beängstigend sein… Wer mag es einem da verdenken, dass man in so einer Situation schlechte Laune kriegt, das ganze Projekt für eine Schnapsidee hält und auch mal ordentlich flucht oder schlichtweg keine Lust mehr hat?
 
LEKTION 2:
DEIN SURFBRETT KANN DIR NÜTZLICH SEIN – ODER ABER GEWALTIG IM WEG
Und dann hat man da auch noch dieses Brett mit einer Leine am Fuß festgebunden, das man irgendwie mit durch die Brandung bringen muss. Man denkt ja eigentlich, dass das Brett einen unterstützt. Aber wenn man das Teil nicht richtig einsetzt, ist es vor allem eine zusätzliche Erschwernis. Die Brandung zerrt das Brett zurück ans Ufer und wenn man es ungeschickt zwischen sich und der Welle hält kriegt man es auch schon mal mit voller Wucht gegen die Rippen oder an den Kopf. Ich musste erst lernen, es so einzusetzen, dass es mir nützlich ist – und mich vor allem trauen, denn es war nicht gerade intuitiv. Aber dann war ich ziemlich beeindruckt, wie viel leichter ich damit durch die bedrohlichen Wellen kam.
 
Oft bekommen Mitarbeiter in Veränderungsprozessen Handwerkszeug in Form von Trainings, Methoden, Prozessen mit auf den Weg. Aber neues Handwerkszeug in einer herausfordernden Situation richtig anzuwenden kann sehr schwierig sein. Da kann dann schon mal der Gedanke aufkommen, dass es ohne Surfbrett vielleicht viel leichter wäre durch die Brandung zu kommen oder dass das mit dem Surfen und dem Surfbrett überhaupt eine total bescheuerte Idee war. Es sei denn, man hat jemanden der einem genau in dieser Situation zeigt, wie man es so für sich nutzen kann, dass es hilfreich ist statt hinderlich.
 
LEKTION 3:
ES WIRD NIE PERFEKT SEIN – ABER JEDE KLEINE VERBESSERUNG IST EIN GROSSER ERFOLG!
Dann hat man es irgendwann endlich geschafft, und man ist in den Bereich vorgedrungen, wo die Wellen langsam heranrollen. Dort kann man erst mal etwas durchschnaufen und Kräfte sammeln. Und dann muss man sich trauen: die “perfekte” Welle aussuchen, Brett in Position bringen und schnell und kräftig lospaddeln! Um dann festzustellen – dass man leider zu langsam war und die Welle verpasst hat. Oder viel zu schnell und hektisch beim Aufstehen war und das Gleichgewicht verloren hat. Oder aber, dass man es zwar nicht mal geschafft hat das Knie nach vorne zu ziehen, aber dass man zum ersten Mal gespürt hat, dass die Welle einen ein Stück weit trägt…
 
Wenn man etwas Neues lernt ist man meistens erst mal nicht besonders gut darin. Das kann frustrierend sein. Vor allem wenn rechts und links die coolen Surfer scheinbar mühelos über die Wellen gleiten. Man kann sich aber auch einfach über jeden kleinen Erfolg freuen und Spaß daran haben, dass man mit jedem Versuch ein kleines bisschen besser wird. Das gelingt dann besonders gut, wenn man für seine Fortschritte gelobt wird statt auf seine Defizite hingewiesen. Und wenn man Zeit und Raum bekommt, um in seinem eigenen Tempo zu lernen und einfach mal etwas ausprobieren kann.
 
WAS KÖNNEN WIR DARAUS FÜR UNSEREN ARBEITSALLTAG LERNEN?
Zunächst einmal sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass „auf den Wellen der Veränderung zu surfen“ nicht so einfach ist wie es sich anhört. Und vor allem hat dabei jeder sein eigenes Tempo und seine ganz persönlichen Herausforderungen. Es verdient schon eine Menge Anerkennung und Lob, wenn man sich mit Surfbrett und Neoprenanzug durch die Brandung kämpft, Salzwasser schluckt, Angst überwindet, Rückschläge in Kauf nimmt und dabei gelegentlich mal laut flucht.
 
WOMIT KÄMPFEN IHRE MITARBEITER GERADE AM MEISTEN?
Mit den Wellen, die ihnen unerwartet ins Gesicht klatschen? Oder dem Surfbrett, das gerade gar nicht hilfreich erscheint? Oder mit dem ersten Surfversuch, der nicht so glorreich war wie erhofft?
Und womit könnten Sie Ihre Mitarbeiter in dieser Situation am besten unterstützen? Die kleinen Erfolge und Fortschritte anerkennen und feiern? Individuelle Unterstützung bei der Anwendung des Handwerkszeugs bieten? Oder einfach nur zuhören und ernst gemeintes Verständnis für den Salzwasser-Frust zeigen?
 
 
 
 
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